Menu

Eine Kurze Geschichte der Tibetischen Medizin

Die Tibetische Medizin ist eine der großen Medizintraditionen der Menschheit. Einer der berühmtesten erst vor 10 Jahren verstorbenen Vertreter der Tibetischen Medizin in Tibet war Khenpo Troru Tsenam (1928 – 2005). Er erklärt die Quellen der Tibetischen Medizin so: 'Tibetan Medical science has its main roots in the land of Tibet itself, in the age-old experience and ingenuity of the Tibetan people, who have always lived close to nature and had to rely on their own resources to survive. To this has been added, over the last two millenia, the medical wisdom of other lands and civilisations (...) All in all, we can identify three main streams which have contributed to make the waters of the healing lake which is Tibetan medicine. These three streams are depicted on the insignia of the Mentseekhang. The longest stream in the insignia comes from the snow mountains, representing Tibet itself. This is joined by two other streams which represent Chinese medicine and Indian ayurvedic medicine.' mehr

Das Standardwerk der Tibetischen Medizin sind die Vier Tantras, Gyüshi genannt. Es wurde zusammengestellt von Yuthok Yonten Gompo, dem Jüngeren (12. Jhd.n.Chr.). Er gilt als sogenannter Wissenserbe und Nachfolger von Yuthok Yonten Gönpo, dem Älteren (8. Jahrhundert), der als Begründer der Tibetischen Medizin gilt. Die Tibetische Medizin ist ein wichtiger Bestandteil der tibetischen Kultur und hat sich im Laufe der Jahrhunderte auch in anderen Kulturen verbreitet. In Asien wird sie heute neben Tibet und tibetischen Gemeinschaften in China besonders in Indien, Nepal, Bhutan, der Mongolei, der Buryatischen Republik der Russischen Föderation sowie in Russland praktiziert. In den 60er Jahren ist sie hauptsächlich durch emigrierte tibetische Ärzte nach Europa und andere westliche Länder gelangt. National anerkannt als ein eigenständiges traditionelles Medizinsystem ist die Tibetische Medizin, auch Sowa Rigpa (Tib. gso ba rig pa), 'das Wissen vom Heilen' genannt, derzeit nur in China, Indien, der Mongolei und Bhutan.

Der tibetischen Tradition des Gyüshi entsprechend geht das tibetische Medizinwissen auf den Sohn des Begründers der tibetischen Bön-Religion, Shenrab Mibo, zurück, der vor über 3000 Jahren gelebt haben soll. Die tibetische Medizin wurde vor allem (und wird bis heute) in Arzt-Familien- und Lehrer-Schüler-Beziehungen, sogenannten 'lineages' (Tib. sman pa rgyud pa) – überliefert und weiterentwickelt. Seit dem starken Einfluß des Buddhismus in Tibet, insbesondere seit den Klostergründungen im 12. Jahrhundert und der Spezialisierung der klösterlichen Wissenschaften, die die Medizin beinhalten, wurde die tibetische Medizin auch von Mönchen praktiziert. Aber auch die Bon Religion (Yungdrung Bon) hat einen eigenen medizinischen Text, das Sorig Bumshi, das dem Gyüshi sehr ähnelt.

Zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert bildeten sich zwei Schulrichtungen der Tibetischen Medizin heraus, die Nördliche Byang- und die Südliche Zur-Tradition. Ihre Unterschiede lagen vor allem in den unterschiedlichen klimatischen Bedingungen Tibets zwischen dem kargen über 300m gelegenen Norden des Tibetischen Plateaus, in dem vor allem Mineralien vorherrschen, und dem Süden und Südosten Tibets, der Wälder und tiefe Täler und daher eine andere Vegetation aufweist. Entsprechend unterschiedlich wurden Einzelbestandteile von tibetischen Rezepturen durch lokale Medizinalpflanzen substituiert ohne jedoch die Gesamtwirkung zu verändern. Diese Flexibilität ist wichtig, um eine Tradition über die Jahrunderte und in unterschiedlichen klimatischen Regionen lebendig zu erhalten.

Im 17. Jahrhundert fusionierte und reformierte der Regent des 5. Dalai Lama, Desi Sangye Gyatso (1653-1705) diese Schulrichtungen. Er hatte selbst Tibetische Medizin studiert und war ein Gelehrter. Er verfaßte den wichtigen Kommentar zu den Vier Tantras, das Vaidurya Ngonpo (The Blue Beryl) und geschichtliche Werke zur Tibetischen Medizin. Auf Geheiß des 5. Dalai Lama begründete er die erste klösterliche Medizinschule, das Chagpori, im Jahr 1696 in Lhasa. Auch gab er die berühmten Medizin-Thangkas in Auftrag, sogenannte Rollbilder, deren umfassende bildhafte Darstellungen u.a. von Embryologie, materia medica, gesundem und kranken Körper die komplexen Zusammenhänge der Tibetischen Medizin anschaulich abbilden.

Im Jahr 1916 und unter der Schirmherrschaft des 13. Dalai Lama gründete der berühmte Chagpori-Arzt und Lehrer Khyenrab Norbu (1883-1962) den Mentsikhang (sMan rtsis khang, wörtlich ’Medizin-Astrologie-Haus/Institut')  in Lhasa. Dies war eine neue Form der Medizinschule, die zum erstenmal auch Laien-Studenten und Frauen zuließ. Der Mentsikhang wurde im indischen Exil im Jahr 1961 als Medizinschule und Krankenhaus wiederaufgebaut und auch in Lhasa in den späten 1980er Jahren wieder in Betrieb genommen. In der medizinischen Hochschule der Tibet-Universität kann heute Tibetische Medizin studiert werden, ebenso wie in der Medizinischen Fakultät der Qinghai Universität. Die klösterliche Medizinschule des Chagpori wurde in der Kulturrevolution ganz zerstört und nicht wiederaufgebaut.

Nach der Flucht des 14. Dalai Lama ins indische Exil veranlasste dieser den Wiederaufbau des heutigen Men-Tsee-Khang in Dharamsala im Jahr 1961, dessen Schirmherr er bis heute ist.  Dr. Yeshe Dhonden (geb. 1927) half den Men-Tsee-Khang in Indien aufzubauen und war der erste Leibarzt des 14. Dalai Lama von 1963-1980. Er wurde später auch in den Vereinigten Staaten von Amerika bekannt insbesondere durch seine Behandlung von Krebspatienten und unterhält eine eigene Klinik in Dharamsala. Auch Dr. Tenzin Chödrak (1922-2001) wurde einer der angesehendsten Leibärzte des 14. Dalai Lama (1980-2001). In den 1980er Jahren wurde der Mentsikhang in Lhasa wieder in Betrieb genommen. Trogawa Rinpoche, Lineage-Halter von Chagpori, baute nach Vorbild des Chagpori das gleichnamige Institut für Tibetische Medizin im Exil 1992 in Darjeeling wieder auf. Es ist – neben dem Men-Tsee-Khang in Dharamsala, der Universität für Höhere Buddhistische Studien in Varanasi, und dem Sowa Rigpa Institut in Ladakh eines der vier Hauptinstitu-tionen in Indien, in denen heute Tibetische Medizin studiert wird. Das Central Council for Tibetan Medicine CCTM vereinigt diese Institutionen und private Ärzte der Tibetischen Medizin. Es reguliert und zertifiziert die Ausbildung zum Tibetischen Arzt vor allem in Indien und spielte eine zentrale Rolle für die Etablierung der Tibetischen Medizin/Sowa Rigpa als eigenständiger Medizintradition und Teil von AYUSH (Ayurveda Yoga Unani Siddha Homeopathy) in Indien. more...

Der Men-Tsee-Khang feiert sein 100Jähriges bestehen im Jahr 2016 mehr...

 

Persönlichkeiten in der Tibetischen Medizin

Yuthok Yonten Gonpo wird als Begründer der Tibetischen Medizin angesehen, und gilt als der bekannteste tibetische Arzt und Gelehrte. Yuthok Yonten Gompo, der Jüngere (12. Jhd.n.Chr.) stellte das Standardwerk der Tibetischen Medizin, die Vier Tantras, bzw. das Gyüshi, zusammen. Er gilt als sogenannter Wissenserbe und Nachfolger von Yuthok Yonten Gompo, dem Älteren, der als Verkörperung des Medizin-Buddhas und als eigentliche Wissensquelle der Vier Tantras verstanden wird.

Bereits als dreijähriges Kind, so steht in seiner Heiligenlegende geschrieben, fühlte Yuthok Yonten Gonpo der Ältere (8. Jhd.) den Puls, untersuchte den Urin und die notwendige materia medica. Im Alter von acht Jahren begann er mit dem Studium der tibetischen Medizin bei seinem Vater und studierte darüber hinaus Buddhismus, Kunst und Sprache bei anderen Lehrern. Er wurde in allen seinen Studienfächern sehr gebildet.

Ju Mipam (1846 – 1912) wurde in Südost-Tibet, in Kham geboren. Er studierte mit dem berühmten Lehrer Jamyang Khyentse Wangpo. Ju Mipam wurde mit der buddhistischen Philosophie bereits im frühen Alter vertraut und zu einem der bekanntesten Gelehrten seiner Zeit. Er schrieb Werke über den tantrischen Buddhismus (Vajrayana), Astrologie und Tibetische Medizin, insgesamt 14 Bände.

Khyenrab Norbu (1883-1962) gründete auf Geheiß des 13. Dalai Lama die tibetische Medizinschule, den Mentsikhang, in Lhasa im Jahr 1916.

 

 

 

Khenpo Troru Tsenam Rinpoche (1928 – 2005) spielte eine Schlüsselrolle im Wiederaufbau der Tibetischen Medizin in Tibet nach der chinesischen Kulturrevolution (1966-1976). Khenpo Tsenam wurde 1928 im Königreich Derge in Kham geboren (heutige Chamdo Region der Tibetischen Autonomen Region Tibet). Ausgebildet in der Kagü-Tradition erlernte er unter anderem auch Astrologie und brillierte vor allem in der Tibetischen Medizin. Er wurde ein berühmter Arzt, Lehrer und Gelehrter und wurde in den 1980er Jahren Leiter der Hochschule für Tibetische Medizin in Lhasa. Er unterrichtete und unterwies viele der heute bekanntesten Ärzte innerhalb und ausserhalb Tibets. Besonders ist er für seine Überlieferung zur Herstellung von Juwelenpillen bekannt. Auf Einladung von Akong Rinpoche, dem Begründer von Europa’s erstem tibetisch-buddhistischen Kloster, Samye Ling (Schottland), leitete Khenpo Troru Tsenam im Jahr 1994 auch einen der ersten Tibetischen Medizinkurse in Europa. mehr

 

 

Dr.Tenzin Choedrak (1922-2001)

Dr. Tenzin Choedrak wurde 1922 in Ringpung Dzong, Shigatse, Tibet geboren. Er war einer der berühmtesten Meister der Tibetischen Medizintradition. Nach der Chinesischen Besatzung Tibets 1959 befand er sich, wie viele seiner Kollegen, 22 Jahre lang in Gefangenschaft. 1980 gelang ihm die Flucht nach Dharamsala, Indien. Dr. Choedrak wurde nach Dr. Yeshe Dhonden Leibarzt S.H. der 14. Dalai Lama und der Chefarzt und Direktor der pharmazeutischen Abteilung des Men-Tsee-Khang (Medical-Astro Institute in Dharamsala). 1987 besuchte er das erste mal westliche Länder und nahm an der Internationalen Konferenzen der Tibetischen Medizin in Venedig, Italien teil, mit anschließendem Besuch in Amerika. Er besuchte New York, Washington D.C, Phoenix und San Francisco, um an einem wissenschaftlichen Programm teilzunehmen, das die Wirkungsweise der Tibetischen Medizin und ihre Behandlung verschiedener Krankheiten wie Krebs, Hepatitis, Arthiris und Aids erforschte. In den folgenden Jahren besuchte er Länder wie Frankreich, Deutschland, Schweiz, Russland, Mongolei, Japan und Mexiko und gab medizinische Konsultationen, Vorträge, Seminare und Ausstellungen über die Tibetische Medizin. 1995 organisierte und leitete er ein medizinisches Team sowie die erste Men-Tsee-Khang Ausstellung der Tibetischen Medizin, Astrologie und Astronomie, die in 12 verschiedenen Städten in 8 Ländern Europas gezeigt wurde. Diese Ausstellung wurde 1997 nochmals wiederholt und in 8 verschiedenen Städten der Vereinigten Staaten Amerikas gezeigt.  

In Memoriam (PDF writtten by: Dr. L.B. Grotte M.D. in english)